Ein überfälliger Moment – Caritas Christi urget nos

Offen gestanden hatte ich Tränen in den Augen, als ich gestern den Beitrag von Dominic Johnson in der TAZ las … die katholische Kirche hat sich für die Mitschuld am Völkermord in Ruanda entschuldigt…

Wie oft sind wir während der vergangenen Reisen in Genozidgedenkstätten gestanden, die frühere Kirchen waren. Unvorstellbare Momente: Hier sahen wir das Taufbecken, das genutzt wurde, um Menschen zu enthaupten, dort die Wände einer Kapelle getränkt vom Blut…

Katholisch zu sein … das hat nicht verhindert, sich der Entmenschlichung entgegenzustellen und sich für den Nächsten jenseits rassistischer Ideologie einzusetzen – ganz im Gegenteil: Die Kirche und damit viele ihrer Vertreter war verquickt und verstrickt mit dem Unrechtssystem, der Ausgrenzung, dem unsäglichen Morden. Eine Schande und eine Schuld. Und nach über zwanzig Jahren ein überfälliger Schritt: diese Schuld anzuerkennen und um Entschuldigung zu bitten.

Katholisch zu sein … kennt und hat auch eine andere Dimension … in einer kleinen Kirche in der Nähe von Butare las ich den lateinischen Leitsatz: Caritas Christi urget nos – die Liebe Christi drängt uns, treibt uns an, sich für den Nächsten einzusetzen. Und damit einzustehen für Menschlichkeit, Solidarität und ein Leben in Würde und ein Leben in Fülle für Alle.

Dann – wenn Menschen aus diesem christlichen Glauben leben – gibt es auch Gründe, Tränen in den Augen zu spüren,- nicht aus Trauer und Scham, sondern aus Freude, daß Menschen die Menschlichkeit und deren Beförderung antreibt.

Siegfried Grillmeyer

 

VÖLKERMORD IN RUANDA

Die Kirche gesteht ihre Mitschuld

An den Massakern an den Tutsi im Jahr 1994 waren auch viele Geistliche beteiligt. Das hat die Katholische Kirche nun eingestanden – und sich entschuldigt.VON DOMINIC JOHNSON

Im Innern einer verlassenen Kirche. Ein Kind springt auf einem Altar herum, auf dem Totenschädel liegen

In der Kirche von Ntamara wurden mehrere tausend Menschen getötet. Sie wurde zum Gedenkort – hier ein Foto von 1997 Foto:  ap

BERLIN taz | Zum ersten Mal hat sich die katholische Kirche für die Mittäterschaft katholischer Geistlicher beim Völkermord in Ruanda 1994 entschuldigt. In allen katholischen Kirchen Ruandas wurde am Sonntag eine entsprechende Botschaft der katholischen Bischofskonferenz des Landes zum Abschluss des „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ verlesen.

„Obwohl die Kirche niemanden losschickte, um Böses zu tun, entschuldigen wir, der katholische Klerus, uns für einige Kirchenmitglieder, Kleriker, Diener Gottes und Christen im Allgemeinen, die eine Rolle beim Völkermord an den Tutsi 1994 spielten“, hieß es in der Erklärung laut den am Montag veröffentlichten Auszügen.

 

„Wir entschuldigen uns im Namen aller Christen für die verschiedenen Verbrechen, wir sind traurig darüber, dass einige der Unseren ihr durch die Taufe eingangenes Gelübde brachen (…) Wir entschuldigen uns für alle Sünden des Hasses und der Spaltung, die in unserem Land geschaffen wurden, bis dahin, dass wir unsere Landsleute wegen ihrer Volkszugehörigkeit hassten. Wir bitten um Vergebung“, so die Erklärung weiter. „Wir entschuldigen uns für alle Hirten, die Konflikte schürten und die Saat des Hasses säten.“

Ruanda war während der Kolonialzeit das katholischste Land Afrikas geworden. Katholische Missionare lehrten, dass die vorkoloniale Herrscherschicht der Tutsi ein fremdes Eroberervolk sei und die Hutu-Bauernmehrheit das eigentliche ruandische Volk. Dies wurde zur Staatsideologie Ruandas, als es 1962 unter Führung ehemaliger katholischer Hutu-Seminaristen unabhängig wurde. Zahlreiche Tutsi wurden getötet oder vertrieben.

Katholische Kirchen waren Massakerorte

Als bewaffnete Tutsi-Flüchtlinge 1990 wieder in Ruanda einmarschierten, reagierte die Hutu-Staatsmacht mit dem Versuch der organisierten Ausrottung aller Tutsi im Land: rund eine Million Menschen wurden zwischen April und Juli 1994 getötet, bis die Tutsi-Rebellen die Macht ergriffen und die Völkermordtäter in den benachbarten Kongo flohen.

Katholische Kirchen waren 1994 Massakerorte. Zu Zehntausenden suchten Tutsi damals Schutz in Kirchen. Viele Geistliche luden dann Armee und Hutu-Milizen ein, sie umzubringen. Manche beteiligten sich selbst oder segneten die Mörder.

Anbetung der Jungfrau Maria und strenger Katholizismus gehören bis heute zur Ideologie flüchtiger Völkermordtäter und ihrer Sympathisanten wie der in Deutschland inhaftierte Präsident der Hutu-Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas), Ignace Murwanashyaka.

Bislang hatte die katholische Kirche ein Schuldeingeständnis abgelehnt. Auch heute besteht sie darauf, nicht als Institution beteiligt gewesen zu sein. Aber die neue Stellungnahme wurde nun vom Verband der ruandischen Völkermordüberlebenden (Ibuka) begrüßt.

„Manche Priester dachten bisher, sie seien geschützt, weil die Kirche schwieg“, sagte Ibuka-Chef Jean-Pierre Dusingizemungu. „Aber die Dinge werden sich jetzt ändern.“

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1 Antwort

  1. Siegfried Grillmeyer sagt:

    Heute – 28.11. bringt Radio Vatican folgende Meldung:

    Ruanda
    Die jüngste Bitte um Entschuldigung der katholischen Kirche Ruandas für
    die Beteiligung ihrer Mitglieder am Völkermord 1994 ist von der Regierung
    in Kigali zurückgewiesen worden. Nach lokalen Medienberichten vom Montag
    wächst der Druck auf die Kirche, eine kollektive Schuld für den
    Massenmord einzugestehen. Dies lehnen die Bischöfe jedoch ab. Vergangene
    Woche hatten die neun Bischöfe des ostafrikanischen Landes erstmals für
    die Beteiligung von Geistlichen an den ethnischen Massakern um Vergebung
    gebeten. Die Erklärung habe jedoch nicht das erwartete Maß an Reue
    gezeigt, hieß es aus Ruanda. Hutu-Milizen ermordeten seinerzeit bis zu
    800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu, nicht selten in Gotteshäusern, in die
    sich die Opfer geflüchtet hatten. Teils waren es Priester oder
    Ordensleute, die die Menschen verrieten. (kna)

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