Reich Gottes in Mbyo?

Der Besuch in Ruanda wirkt nach, auch drei Monate später. Neben den Begegnungen in Kinazi im Rahmen unseres Hilfsprojektes für alleinerziehende Mütter (siehe Berichte hier und hier) und dem schockierend-bewegenden Besuch der Genozid-Gedenkstätte Murambi bleibt mir ein weiterer Programmpunkt besonders im Gedächtnis: die Begegnung mit den Bewohnerinnen und Bewohnern eines so genannten Versöhnungsdorfes. Die folgenden Zeilen sind eine (v.a. im zweiten Teil) erweiterte und vertiefte Fassung eines ersten Berichtes über diesen Besuch.

„I have killed six people“

Was unsere Reisegruppe im Versöhnungsdorf, in idyllischer Umgebung, umgeben von Eukalyptusbäumen und auf einfachen Bänken und Stühlen sitzend erfährt, gräbt sich tief ein. Für mich persönlich ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem Mann begegne, der sechs Menschen ermordet hat. Und der davon im Kreise der Überlebenden und Angehörigen seiner Opfer spricht.  „I have killed six people“, so erzählt Mathias Sendegeya, der mir direkt gegenüber sitzt, als wir mit der Dorfgemeinschaft zusammen kommen, um über Verzeihen und Versöhnung angesichts der Gräuel des Völkermordes zu sprechen.

An diesem sonnigen Julitag sind wir in Mbyo, einem kleinen Ort im Osten Ruandas, einem der bekanntesten Versöhnungsdörfer des landes. Hier funktioniert angeblich, was mir aus deutscher Sicht im Vorfeld eigentlich unvorstellbar erschien: Dass die Täter des Genozids und die Angehörigen ihrer Opfer tatsächlich wieder zusammen leben, friedlich, Tür an Tür, ohne, dass es zu Racheakten und Feindseligkeiten kommt.

„Wir teilen alles“, sagt tatsächlich die neben Sendegeya sitzende Jeannette Mukabyagaju. Sie war 13 Jahre alt und verlor ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester durch den Genozid; nur drei Verwandte kamen mit dem Leben davon. Sie selbst konnte sich nur retten, weil sie sich zwei Monate lang auf einer Toilette vor mordenden Nachbarn versteckte. Rache an Tätern wie Sendegeya? Daran denkt sie trotz der traumatisierenden Erfahrungen nicht.

Es ist eine bewegende Geschichte, die Jeanette erzählt. Aber auch die des Täters Sendegeya berührt uns tief. „Der Pastor des Dorfes war mein Freund“, erzählt er von der Zeit vor dem Genozid, „er schenkte mir eine Kuh.“ Und dennoch brachte der heute 56-Jährige sechs Menschen aus der Familie des Geistlichen um. Auch 22 Jahre nach der Tat lässt das schlechte Gewissen Sendegeya nicht in Ruhe: Während er seine Geschichte erzählt, kneten seine Finger immer wieder ineinander, sein Blick ist immer wieder starr in die Ferne gerichtet.

Denn mit den Morden ist seine Erzählung noch nicht zu Ende: Er wird nach dem Genozid zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt, und der Pfarrer, der ihn im Gefängnis besucht, um mit ihm über seine Taten zu sprechen, ist ausgerechnet jener Pastor, dessen Familie Sendegeya umgebracht hat. „Ich habe es ihm dann gestanden und ihn um Vergebung gebeten“, erzählt Sendegeya weiter. Leider erfahren wir nicht, wie der Pastor reagiert hat, doch er scheint trotz seiner grausamen Familiengeschichte die treibende Kraft für die Versöhnung des Dorfes gewesen zu sein.

2003, neun Jahre nach dem Genozid, gibt es in Ruanda eine Generalamnestie für viele Täter, die auch Sendegeya die Freiheit zurückbringt. Drei Monate lang wird er auf die Rückkehr in sein Dorf vorbereitet, dann steht er eines Tages wieder dort, wo seine Opfer lebten. „Ich hatte furchtbare Angst vor Rache und schämte mich sehr“, erinnert sich Sendegeya an diese Zeit.

Er ist nicht der einzige, der sich Sorgen macht. Auch Jeannette Mukabyagaju hat Angst, dass mit der Rückkehr der Täter von einst das Morden wieder beginnt. „Am Anfang konnten wir nicht miteinander sprechen, uns nicht einmal gegenüber sitzen“, erinnert sie sich. Was in dieser Situation half, waren nicht Worte, sondern Taten: Täter und Opfer brennen zusammen Ziegel, um die während des Genozids zerstörten Häuser wieder aufzubauen.

„In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen“

Und, vermutlich noch wichtiger: Die Täter erzählen den Angehörigen, wo sie die Opfer 1994 verscharrt hatten. Neun Jahre hatten die Menschen gehofft, dass ihre Angehörigen vielleicht doch überlebt haben könnten. Jetzt gibt es Gewissheit – und die hilft, das Geschehene zu verarbeiten. „Das war ein wichtiges Signal, dass die Täter Reue zeigen“, berichtet Mukabyagaju. Und erinnert an das christliche Gebot zur Vergebung. „In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen“, diesen Satz sagt sie mehrfach bei unserem Gespräch. Ruhig, fast tonlos, und doch mit Überzeugung.

Die Fähigkeit zur Vergebung scheint über die Jahre gewachsen zu sein. Denn heute arbeiten die Frauen im Dorf zusammen und bessern mit Korbwaren und Näharbeiten die Einkommen der Familien auf. Und die Männer sorgen für die Bestellung der Felder – die Unterscheidung in Hutu und Tutsi spielt nach den Worten unserer Gastgeber keine Rolle mehr. „Ich vertraue ihm meine Kinder an, und er mir seine“, erzählt Mukabyagaju und deutet dabei auf Sendegeya.

Wie sieht „echte“ Versöhnung aus?

Der Besuch in Mbyo wirkt lange nach in unserer Gruppe, auch bei mir. Ist das wirklich „echte“ Versöhnung? Oder ist es nicht eher die – absolut nachvollziehbare – Verdrängung eines letztlich nicht vergess-und noch weniger vergebbaren Leids? Weil es eben keine andere Möglichkeit gibt, wenn man weiterleben will? Weil nur so überhaupt eine Chance auf eine wie auch immer geartete Zukunft besteht? Und weil sich in einem so kleinen Land wie Ruanda Täter und Opfer schon räumlich nicht aus dem Weg gehen können? Vergebung also als unvermeidliche Option, mit der sich die Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft irgendwie am Leben erhalten lässt?

Die Begegnungen mit den Menschen des Versöhnungsdorfes irritieren und bewegen mich. Kann das funktionieren? Oder machen sich die Menschen in Ruanda etwas vor? Je länger ich darüber nachdenke, desto nachdenklicher werde ich. Zunächst einmal: Was oder wer gibt mir das Recht, überhaupt so zu denken? Und dann: Sieh hin – es funktioniert doch ganz offensichtlich. Seit Jahren. Hier in Mbyo, aber nachweislich auch an unzähligen anderen Orten. Im ganzen Land leben Täter und Opfer zusammen, im gleichen Dorf, in derselben Straße, Haustür an Haustür.

„In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen.“ Jeanettes Worte gehen mir nicht aus dem Sinn. Die 35-jährige Mutter dreier Kinder zitiert nicht das Gebot der Feindesliebe, das uns vielleicht als erstes in den Sinn kommen könnte. Schließlich würde sich niemand wundern, wenn die Täter, die ihren Opfern und deren Angehörigen so viel Leid zugefügt und das Leben so vieler zerstört haben, als Feinde betrachtet würden und es dauerhaft blieben.

Gerechtigkeit, Reue, Vergebung

Stattdessen: Vergeben. Dem „Nächsten“, also dem ehemaligen Nachbarn, Freund oder gar Angehörigen, der über mich, meine Familie oder meine Freunde so unsägliches Leid gebracht hat. Wie kann das gelingen? Vielleicht, so frage ich mich, ist eine solche Vergebung realistischer und mehr auf Zukunft ausgerichtet als eine auf den ersten Blick noch extremer erscheinende Feindesliebe. Weil Vergebung die und den anderen in den Blick nimmt und ihr und ihm einen Neuanfang ermöglicht. Weil sie ihr oder ihm die Chance gibt, vom mordenden Täter wieder zum Nachbarn und Nächsten auf Augenhöhe zu werden. Vergebung – mag sie aus purer Notwendigkeit, Verzweiflung, Resignation oder schlicht der Sehnsucht geschehen, endlich wieder an eine Zukunft glauben zu wollen – kann so zur Basis für Versöhnung und für eine gemeinsame Zukunft von Tätern und Opfern werden. Doch was sich auf dem Papier so erbaulich, beinahe kitschig lesen mag, ist in Wirklichkeit ein langer, steiniger Weg, das spüren wir bei unseren Gesprächen.

Und noch etwas wird deutlich: Dieser beispiellose Weg der Versöhnung könnte wohl nicht gegangen werden, wenn der Vergebung nicht Gerechtigkeit und sichtbare, tätige Reue der Täter vorangingen. „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein“, so heißt es beim Propheten Jesaja (Jes 32,17). Die Verurteilung und Bestrafung der Mörder trägt ebenso zur Versöhnung und zum sozialen Frieden bei wie das offensichtlich ernsthafte Bemühen der Täter, sich der Begegnung und der Konfrontation mit den Opfern und deren Angehörigen auszusetzen und so der eigenen Verantwortung zu stellen.

Reich Gottes in Mbyo?

Am Ende unseres Besuches bleiben weit mehr Fragen als ich Antworten bekomme. Die Gedanken und Gefühle reichen von Verwunderung und Staunen über Respekt bis zu Fassungslosigkeit und tiefer Bewegung. Vielleicht ist ja das, was hier geschieht, ein kleines Stück vom Reich Gottes? Die subversive, alles auf den Kopf stellende, Menschen und Welt verändernde Kraft des Evangeliums – blitzt sie hier, in der Dorfgemeinschaft von Mybo, auf? Unscheinbar und zögernd, und doch mit unbestreitbarer Wirkung …

Zum Abschluss dieses unvergesslichen Besuches nehmen wir noch eine Bitte Jeanette Mukabyagajus mit nach Hause zurück: „Erzählt den Menschen in Deutschland, dass Versöhnung möglich ist.“

 

 

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