I have killed six people

Ruandische Dorfidylle: Ein paar Bänke stehen im Schatten der Eukalyptusbäume, wir werden herzlich von der Dorfgemeinschaft empfangen. Aber das, was Mathias Sendegeya dann erzählt, ist alles andere als lauschig: „Ich habe sechs Menschen getötet“, berichtet er mit fast schon brutaler Offenheit von seiner Verstrickung in den ruandischen Genozid.

Wir sind nach Mbyo gereist, einem kleinen Ort im Osten Ruandas, das auch als Versöhnungsdorf bekannt ist. Hier soll funktionieren, was aus deutscher Sicht beinahe unvorstellbar erscheint: Die  Täter des Genozids und die Angehörigen ihrer Opfer leben wieder zusammen, Tür an Tür, ohne, dass es zu Racheakten und Feindseligkeiten kommt.

„Wir teilen alles“, sagt tatsächlich die neben Sendegeya sitzende Jeannette Mukabyagaju. Sie war 13 Jahre alt, als 1994 über eine Million Menschen in Ruanda während des Genozids getötet wurden. Mukabyagaju verlor ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester, nur drei Verwandte kamen mit dem Leben davon. Sie selbst konnte sich nur retten, weil sie sich zwei Monate lang auf einer Toilette vor den im Blutrausch mordenden Nachbarn versteckte.  Rache an Tätern wie Sendegeya? Daran denkt sie trotz der traumatisierenden Erfahrungen nicht.

Eine bewegende Geschichte, aber auch die des Täters Sendegeya berührt uns tief. „Der Pastor des Dorfes war mein Freund“, erzählt er von der Zeit vor dem Genozid, „er schenkte mir eine Kuh.“ Und dennoch brachte der heute 56-Jährige sechs Menschen aus der Familie des Geistlichen um. Auch 22 Jahre nach der Tat lässt das schlechte Gewissen Sendegeya nicht in Ruhe: Während er seine Geschichte erzählt, kneten seine Finger immer wieder ineinander, sein Blick ist starr in die Ferne gerichtet.

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Von rechts: Mathias Sendegeya, Jeannette Mukabyagaju

Denn mit den Morden ist seine Erzählung noch nicht zu Ende: Er wird nach dem Genozid zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt, und der Pfarrer, der ihn im Gefängnis besucht, um mit ihm über seine Taten zu sprechen, ist ausgerechnet jener Pastor, dessen Familie Sendegeya umgebracht hat.

„Ich habe es ihm dann gestanden und ihn um Vergebung gebeten“, erzählt Sendegeya weiter. Leider erfahren wir nicht, wie der Pastor reagiert hat, doch er scheint trotz seiner grausamen Familiengeschichte die treibende Kraft für die Versöhnung des Dorfes gewesen zu sein.

2003,  neun Jahre nach dem Genozid, gibt es in Ruanda eine Generalamnestie für viele Täter, die auch Sendegeya die Freiheit zurückbringt. Drei Monate lang wird er auf die Rückkehr in sein Dorf vorbereitet, dann steht er eines Tages wieder dort, wo seine Opfer lebten. „Ich hatte furchtbare Angst vor Rache und schämte mich sehr“, erinnert sich Sendegeya an diese Zeit.

Aber natürlich ist er nicht der einzige, der sich Sorgen macht.  Auch Jeannette Mukabyagaju hat Angst, dass mit der Rückkehr der Täter von einst das Morden wieder beginnt. „Am Anfang konnten wir nicht miteinander sprechen, uns nicht einmal gegenüber sitzen“, erinnert sie sich. Was in dieser Situation hilft, sind nicht Worte, sondern Taten: Täter und Opfer brennen zusammen Ziegel, um die während des Genozids zerstörten Häuser wieder aufzubauen.

Und, vermutlich noch wichtiger: Die Täter erzählen den Angehörigen, wo sie  die  Opfer 1994 verscharrt hatten. Neun Jahre hatten die Menschen gehofft, dass  ihre Angehörigen vielleicht doch überlebt haben könnten. Jetzt gibt es Gewissheit – und die hilft, das Geschehene zu verarbeiten. „Das war ein wichtiges Signal, dass die Täter Reue zeigen“, berichtet Mukabyagaju und erinnert an  die christliche Aufforderung zur Vergebung.

Die Vergebung scheint über die Jahre gewachsen zu sein. Denn heute arbeiten die Frauen im Dorf zusammen und bessern mit Korbwaren und Näharbeiten die Einkommen der Familien auf. Und die Männer sorgen für die Bestellung der Felder – die Unterscheidung in Hutu und Tutsi spielt nach den Worten unserer Gastgeber keine Rolle mehr. „Ich vertraue ihm meine Kinder an, und er mir seine“, erzählt Mukabyagaju und deutet dabei auf Sendegeya.

Natürlich kaufen wir den Frauen einige Korbwaren ab, mit denen wir Euch nach unserer Rückkehr beglücken werden. Und zum Abschluss dieses bewegenden Tages nehmen wir noch zwei Bitten Mukabyagajus nach Deutschland mit zurück:  „Akzeptiert nicht, wenn jemand den Genozid in Ruanda leugnet, und erzählt den Menschen in Deutschland, dass Versöhnung möglich ist.“ (jel/cet/dg)

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